
|
Grußwort zum 60-jährigen Jubiläum des Paritätischen in Bayern 25. Juli 2008 Die Geschichte des Paritätischen in Bayern ist stark von Frauen geprägt. Dies gilt insbesondere für die Gründung und Wiedergründung des Verbandes. Darin sehe ich ein gutes Omen für seine Arbeit. Am Anfang war Luise Kiesselbach. Daran erinnern wir Frauen des Vereins für Fraueninteressen gerne, war Luise Kiesselbach doch ab 1913 unsere hochgeschätzte Vorsitzende und in Personalunion Vorsitzende des Hauptverbandes Bayerischer Frauenvereine. Sie, die begnadete Organisatorin und Netzwerkerin, führte im Jahr 1922 die sozialen Einrichtungen des Stadtbunds Münchner Frauenverbände zum Paritätischen Wohlfahrtsverband München zusammen. Dazu gehörten die sozialen Einrichtungen des Vereins für Fraueninteressen, der Verein Kinderschutz, das Helene-Sumper-Heim sowie das Institut für Soziale Arbeit. Mit Erfolg forderte sie auch von Männer geführte, konfessionell und parteipolitisch unabhängige soziale Vereine zum Eintritt auf. Noch ehe sich auf Reichsebene die "Vereinigung der freien, privaten, gemeinnützigen Wohlfahrtsvereine Deutschlands" konstituierte, erfolgte im Oktober 1924 in München die Gründung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Bayern. Wieder stand Luise Kiesselbach an der Spitze und wirkte als treibende Kraft der Entwicklung, ihre Kontakte als Vorsitzende des Hauptverbandes Bayerischer Frauenvereine nutzend. Zugegeben, als Katalysator für die paritätische Sammlungsbewegung wirkte die Reichsfürsorgepflicht-Verordnung, die zum 1.1 1925 in Kraft trat. Sie delegierte nach dem Subsidiaritätsprinzip Aufgaben der öffentlichen Wohlfahrtspflege an die Dachverbände der Freien Wohlfahrtspflege und stellte dafür staatliche Mittel bereit. Für die freien, sozialreformerischen Einrichtungen folgte daraus, dass sie einen Dachverband brauchten, wollten sie weiterhin Sozialarbeit leisten und dafür öffentliche Mittel einsetzen. Warum aber schlupften diese Organisationen nicht unter ein bestehendes Verbandsdach? Warum leisteten sie einen organisatorischen Kraftakt, nämlich die Gründung eines neuen Verbandes? Es lag am Charakter dieser freien Sozialorganisationen, die in späteren Jahrzehnten als alternativ gegolten hätten. Sie billigten jedem Individuum gleiche Rechte und Chancen zu, verlangten bei einem Zusammenschluss aber für sich selbst Parität, also Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit. Die Akzeptanz von Neutralität und Methodenvielfalt sowie Verzicht auf jegliche Bevormundung galt ihnen als selbstverständlich. Als Luise Kiesselbach am 29. Januar 1929 verstarb, war der Paritätische bereits zu einem stattlichen Verband mit 156 Organisationen herangewachsen, die sich vornehmlich der Gesundheitsfürsorge, der Erziehungs- bzw. Wirtschaftsfürsorge widmeten. Zweifellos hinterließ die Vorsitzende eine gewaltige Lücke. Ihre nachhaltige Prägung des Verbandes aber wirkte fort. Für Kiesselbach war - wie es in einem Nachruf hieß - "die Verbindung von Frauenbewegung, staatsbürgerlicher Wirksamkeit und praktischem sozialen Tun unlösbar von einander; eines ohne das andere inhaltslos, unlebendig, kalte Theorie". Die Bürogemeinschaft von Paritätischem und Verein für Fraueninteressen blieb bis ins Jahr 1934 erhalten, als sich der Verband unter dem Druck des NS-Systems auflösen musste. Die Einrichtungen seiner Mitgliedorganisationen und das Verbandvermögen gingen an die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) über. Geist und Prinzipien des Paritätischen blieben jedoch bei den früheren Mitgliedern über die Zeit der NS-Herrschaft hinweg lebendig. So verwundert es wenig, dass bereits am 24. Juli 1945 die Vorsitzende des Vereins für Fraueninteressen, Julie Gräfin Bothmer, den Münchner Oberbürgermeister Dr. Karl Scharnagl schriftlich über Bemühungen des Vereins informierte, den Paritätischen zunächst auf Münchner Ebene zu reorganisieren. Viele der ihm angehörenden Heime und Einrichtungen bestünden weiter und bedürften - wie sie schreibt - "mehr denn je der Zusammenfassung zwecks Beratung und Förderung in der Arbeit, Vertretung der rechtlichen und wirtschaftlichen Interessen." Zugleich bittet Gräfin Bothmer den Oberbürgermeister, dem Paritätischen wieder Sitz und Stimme in der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege München zu geben. Diese Vertretung nimmt ab September 1945 Dr. Anna Heim-Pohlmann wahr. Sie war ab 1924 stellvertretende Vorsitzende gewesen und wurde in der Phase der informellen Wiedergründung zur zentralen Figur. Pragmatisch, einsatzfreudig, risiko- und verantwortungsbereit treten die Frauen, die im Namen des Paritätischen handeln, in diesen Nachkriegsjahren auf, unterstützt von einigen Männern, so von Prof. Dr. Rudolf Düll. Sie übernehmen die Betreuung in Flüchtlingsunterkünften, sorgen sich um Wärmestuben und kümmern sich um die Rückübertragung von sozialen Einrichtungen an ehemalige Mitgliedsorganisationen. Kurzum, sie agieren wirkungsvoll als Wohlfahrtsverband, obgleich der Paritätische bis auf Weiteres als juristische Person nicht existierte. Er hätte zum Beispiel nicht beklagt werden können. Wieder wird die Geschäftsführung des Verbandes in Bürogemeinschaft mit dem Verein für Fraueninteressen erledigt. Dazu berichtet Anna Heim-Pohlmann später, die Arbeit sei "so eng verflochten und so sehr als eine Arbeit gesehen" worden, dass Erörterungen über die Aufteilung der Bürokosten nicht stattgefunden hätten. "Richtig ist wohl, dass der Verein die Hauptlast der Gehälter trug." Am 30. Juni 1948 begründeten dann 26 Organisationen den Paritätischen Landesverband als Verein. Kurz zuvor hatte er - wie die anderen Wohlfahrtsverbände auch - vom Bayerischen Staat einen beachtlichen Betrag erhalten, der trotz Abwertung durch die Währungsreform ein gutes Startkapital darstellte. Die Gründungsversammlung wählte Professor Düll zum Vorsitzenden, Dr. Anna Heim-Pohlman wurde seine Stellvertreterin neben ihrer Vereinskollegin Dr. Hilde Obermair-Schoch. Warum die tatkräftige Anna Heim-Pohlmann mit ihrer profunden Verbandserfahrung aus den zwanziger Jahren und ihrer bewunderungswürdigen Aufbauarbeit nach 1945 ins zweite Glied trat, ist unklar. Möglicherweise war es ein Akt der Anpassung an die patriarchalischen Strukturen in Behörden und Verbänden, mit denen der Paritätische zu verhandeln hatte. Vielleicht nach dem Motto: Bei Verhandlungen und in der Außenvertretung nützt dem Verband ein Mann mehr! Meine Damen und Herren, in einem Buch über den Paritätischen Landesverbandes Berlin las ich kürzlich, der Paritätische sei "der Lumpensammler unter den Wohlfahrtsverbänden". Das klingt zunächst einmal despektierlich, gerade so, als müsse er jene Organisationen aufnehmen, die kein anderes Wohlfahrtsdach finden. Ich deute jedoch der Aussage vom "Lumpensammler" anders. Es ist das Profil des Paritätischen, das ihn grundsätzlich für neue soziale Strömungen offen hält, aus denen bisher nicht vorhandene Institutionen und Einrichtungen erwachsen und sich Selbsthilfegruppen bilden. Der Paritätische bietet gleichsam von seinem Selbstverständnis her einen Hafen für zeitsensible soziale Kräfte mit rebellischem Gedankengut, die mit Zähigkeit und Intelligenz neue Lösungen wagen. Diese These lässt sich mit den in den verschiedenen Jahrzehnten eingetreten Organisationen und deren Aufgaben belegen. In den 50er Jahren waren dies vor allem Kinder-, Mütter- und zunehmend auch Seniorenheime. In den 60er Jahren dominieren bei den neuen Organisationen Altenclubs; "Essen auf Rädern" war in diesen Jahren eine besondere soziale Innovation. Die Entfaltung organisierter Hilfen im Wohnumfeld, nichts anderes sind die Nachbarschaftshilfen, machen in den 70er Jahren den größten Anteil bei den zu Hunderten neu eintretenden Mitgliedern aus. Zwar ist die Not, die mit den verschiedensten Süchten einhergeht, nicht neu, doch die dafür vorgesehenen Hilfeeinrichtungen finden offensichtlich erst jetzt gesellschaftlich Akzeptanz und sind durchsetzbar. Erinnern wir uns an die zweite Frauenbewegung. Sie stellte in den 70er Jahren die Geschlechterfrage neu und forderte massiv und zum Teil mit turbulenten Aktionen zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung damit auf. Zielgerichtete institutionelle Lösungen, also Hilfemaßnahmen für Frauen, ließen sich zeitversetzt durchsetzen. Ich nenne stellvertretend: Frauennotrufe, Frauenhäuser, Mädchenprojekte, Frauengesundheits- und Kulturzentren, Pro-Familia-Beratungsstellen, später Mütterzentren und weitere Einrichtungen für Frauen. Mobilisierungskampagnen halfen, öffentliche Akzeptanz zu erreichen. Autonomie schrieben die damaligen Protagonistinnen groß, auch institutionelle Selbstverantwortung. Was wunder, dass der Paritätische ein bevorzugter Dachverband der neuen Fraueneinrichtungen wurde. Zu ihm gehören heute 17 von den 38 Frauenhäusern in Bayern. Übrigens, es ehrt den altehrwürdigen, 1894 gegründeten Verein für Fraueninteressen, dass er 1978 für Bayerns erstes Frauenhaus die Trägerschaft übernahm. Mit Gretl Rueff hatte er erneut eine couragierte Vorsitzende, die Herausforderung aufnahm. 1986 übergab sie die "Frauenhilfe" als gemeinnützige GmbH in die unmittelbare Verantwortung des Paritätischen. Meine Damen und Herren, Jubiläen sind geeignet, Geschichte aufleben zu lassen. Sie zeigt uns, dass der Paritätische in Bayern offen für die jeweilige soziale Avantgarde war. Er blieb lernfähig für neue Problemlagen, Lebensentwürfe und Lösungsansätze. Er erwies sich über die Zeitläufte hinweg dem Pluralismus von Methoden und Ansätzen verpflichtet. Ich wünsche dem Paritätischen weiterhin die Fähigkeit, neue soziale Bewegungen fördern und mittragen zu können. Damit leistet er wertvolle Dienste für unsere Zivilgesellschaft und macht das Miteinander reicher. In diesem Sinne: Glück auf für die Verbandsführung und alle Mitarbeitenden und Weiter so! |