Jubiläumsfeier 60 Jahre Paritätischer in Bayern
25. Juli 2008

Grußwort
Dr. Hildegard Kronawitter, MdL


Die Geschichte des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Bayern ist stark von Frauen geprägt. Dies gilt insbesondere für die Gründung und Wiederbegründung.

Als langjährige frühere Vorsitzende des Vereins für Fraueninteressen erinnere ich mit besonderem Stolz an Luise Kiesselbach. Die begnadete Organisatorin und Netzwerkerin gründete 1914 den Stadtbund Münchner Frauenverbände und führte deren soziale Einrichtungen 1922 zum Paritätischen Wohlfahrtsverband München zusammen. Parität, also Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit, hieß das Gestaltungsprinzip des neuen Verbandes von Anfang an. Er setzte auf Autonomie seiner Mitglieder, auf Neutralität, Gleichrangigkeit und Methodenvielfalt. Noch bevor die Reichsfürsorgepflicht-Verordnung am 1. Januar 1925 in Kraft trat, gelang ihr auch auf Landesebene der Zusammenschluss der freien, sozialreformerischen Organisationen und Einrichtungen, die zur Fortsetzung ihrer Sozialarbeit das Dach eines Wohlfahrtsverbandes brauchten. In Personalunion führte sie ab 1924 den Landesverband, den Hauptverband Bayerischer Frauenvereine, den Stadtbund Münchner Frauenvereine und nicht zuletzt den Verein für Fraueninteressen. Auch nach ihrem Tod 1929 blieb die Bürogemeinschaft dieser Organisationen bis zur Auflösung des Paritätischen im Jahr 1934 erhalten.

Unmittelbar nach Kriegsende ergriff wiederum der Verein für Fraueninteressen die Initiative zur Wiederbegründung. Bereits am 24. Juli 1945 bat Julie Gräfin Bothmer, Vorsitzende des VfF, Münchens Oberbürgermeister Dr. Karl Scharnagl, dem Paritätischen in der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege wieder Sitz und Stimme zu geben. Treibende Kraft war insbesondere Dr. Anna Heim-Pohlmann, die bis zum formalen Gründungsakt im Jahr 1948 die Arbeit der bereits informell zusammengeschlossenen Einrichtungen maßgeblich organisierte. Der Paritätische hatte alsbald die Betreuung zweier Flüchtlingslager in München übernommen. Dennoch trat Dr. Heim-Pohlmann als stellvertretende Verbandsvorsitzende 1948 ins zweite Glied; Vorsitzender wurde Prof. Dr. Rudolf Düll.

In den folgenden Jahrzehnten - insbesondere ab den 1960er Jahren - wuchs die Zahl der Mitglieder stürmisch an. Aus der Aufgabenstellung der jeweils neuen Mitgliedsorganisationen lässt sich der aktuell gegebene Hilfs- und Unterstützungs-bedarf in der Gesellschaft ablesen. Zweifelsfrei war der Paritätische von seinem Selbstverständnis her offen für die neuen sozialen Bewegungen und deren Anliegen. So stehen Kinder-, Mütter- und Altenheime für die 50er Jahre, Altenclubs und "Essen auf Rädern" prägen als Neugründungen die 60er. In den 70er Jahren stechen "Nachbarschaftshilfen" und Suchthilfeeinrichtungen aus der Vielzahl der neuen Mitglieder hervor. Die zweite Frauenbewegung manifestierte sich mit ihren feministischen Begehren ab Ende der 70er Jahre. Zahlreiche Gruppen und Einrichtungen wie Frauennotrufe, Frauenhäuser, Mädchenprojekte wollten sich gemäß ihrem autonomen Verständnis nicht hierarchisch in einen Verband eingliedern. Sie gaben dem Paritätischen wieder ein weiblicheres Gesicht. Doch erst seit 2005 hat nach Luise Kiesselbach erstmals wieder eine Frau den Vorsitz inne.

Möge sich der Paritätische in Bayern weibliche Sensibilität für die künftigen Zeitläufte bewahren!